08. Sep 2017

Das Glück im Rebberg

Flora, Fauna, Sonne und Wein – Fabia Knechtle Gloggers kleines Paradies am Buechberg

Jung, Frau und Quer-Einsteigerin: Fabia Knechtle Glogger zeigt, dass frau mit Wille sich ein Standbein in der Landwirtschaft schaffen kann. Vom Erwerb des Rebberges bis zum ersten Ertrag dauert es eineinhalb Jahre. Doch dies ist nur eine von vielen Herausforderungen. Ein Morgen Ende Februar. Der Himmel azurblau, die Sonne strahlend. Auf den Nachmittag sind 20 Grad vorausgesagt. Der Rücken des Buechbergs in der St.Galler Gemeinde Thal bietet einen einmaligen Blick über den Bodensee. Fabia Knechtle Glogger steigt den steilen Weg hinunter Richtung Gemeinde Thal. Hier, auf 480 m, liegt der Rebberg, den sie seit Januar bewirtschaftet.

Per Inserat zum Rebberg

Seit 2008, nach ihrem Studienabschluss in Umweltingenieurwesen mit Vertiefung Naturmanagement an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Wädenswil), berät Fabia Knechtle Glogger sehr viele Bauern bei der Biodiversitätsförderung. Bei ihrer Arbeit spürte sie immer mehr den Wunsch, selber in der Landwirtschaft tätig zu sein. Sie packt gerne an, ist gerne in der Natur, mag Pflanzen und Tiere. Ab und an hilft sie einem Kollegen mit Mutterschafhaltung aus. 2015/16 besuchte sie einen Direktzahlungskurs Landwirtschaft. Dieser berechtigt Personen, die eine Ausbildung ausserhalb der Landwirtschaft abschlossen einen Landwirtschaftsbetrieb zu übernehmen. Doch es ist nicht einfach einen solchen zu finden. Bereits vor einigen Jahren begann sie, sich in ihrer Heimat, dem Appenzellerland, nach einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb umzuschauen, und gab schliesslich ein Inserat auf.

Rebstöcke von 2 bis 30 Jahren

So findet sie Edy Geiger, einen der Pioniere im biologischen Weinbau im St.Galler Rheintal, der im In- und Ausland Preise für seine Weine einheimste. Anfänglich bewirtschaftete er nur Blauburgunder, die er nach und nach durch pilzwiderstandsfähige Sorten (Piwi) ersetzte. Anfang der 80er-Jahre waren diese noch verboten, dann erhielt Geiger nach jahrelangen Bemühungen 1988 schliesslich den Auftrag der Eidgenössischen Forschungsanstalt für eine Versuchsfläche. Seit 1985 ist sein Betrieb Bio-zertifiziert. Von 50 Aren sind nebst 3 Aren Blauburgunder alles Piwi-Sorten. Fabia Knechtle Glogger war dabei, als vor zwei Jahren die jüngsten 350 Rebstöcke am Rebberg angepflanzt wurden. Davon sind 200 Stöcke der neuen Sorte Divico vorbehalten. Sie erzählt es, während sie mit einem Strahlen im Gesicht ihr kleines Rebenparadies zeigt. Maréchal Foch, Cabernet Jura, Bianca sowie neue Piwi-Sorten, die erst Nummern und noch keine Namen tragen – junge Reben bis hin zu 30 Jahre alten Rebstöcken. Ans Ersetzen eben dieser denkt sie nicht: «Das Aroma und die Komplexität der Traube wird bei einer älteren Rebe, deren Wurzeln sich immer tiefer in die Erde arbeiten, eher besser. Der Ertrag sinkt zwar irgendwann, doch muss auch beachtet werden, dass eine junge Rebe in den ersten fünf Jahren kaum Ertrag abwirft.»

Verschiedene Erziehungsformen und Sortengarten

Fabia Knechtle Glogger läuft vorbei an einer Fläche, die über rund 50 Jahre mit einem Stacheldraht-Verhau des Militärs bedeckt war. Nach dem mühsamen Abräumen des Stacheldrahtes im Jahr 1992 gedeihen auch hier Reben. Eine der Parzellen wird in der Hocherziehung bewirtschaftet. Hier gibt das Lauben mehr Arbeit, dafür müssen die Triebe weniger eingeschlauft und das Gras weniger gemäht werden als bei der heute im Rheintal fast überall gängigen Drahtrahmenerziehung. Theoretisch könnten hier gar Schafe weiden. «Und dort beim Nachbarn ist gar noch Stickelbau zu sehen», zeigt Fabia Knechtle Glogger. Eine Erziehungsform, die es heute kaum mehr gibt. In einem kleinen Sortengarten pflanzte Edy Geiger immer wieder neue Piwis an. Fünf bis zehn Stöcke, um zu erfahren, wie widerstandsfähig die Traubensorte an diesem Standort ist. «Hat die Rebsorte die Erwartungen bezüglich Traubengesundheit und Ertrag ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nicht erfüllt, hat mein Vorgänger die Reben wieder ausgerissen und einen neuen Test lanciert», erzählt Fabia Knechtle Glogger. Die Voraussetzungen ändern sich mit den Jahren ebenso wie die bevorzugten Arten. So war zum Beispiel Regent über Jahre eine Piwi-Sorte, die sich gut für diese Lage eignete. Heute aber ist sie doch zu anfällig, um bei ihrer Pflege ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichten zu können. Diesen Sortengarten will Fabia Knechtle Glogger weiterführen, ebenso wie auf Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger zu verzichten. Eine Ausnahme bildet der Blauburgunder, welcher als konventionelle Sorte ohne den Einsatz von biologischen Pflanzenschutzmitteln nicht auskommt. Mittel- bis langfristiges Ziel ist ein kompletter Verzicht auf Pflanzenschutzmittel, was den Ersatz des Blauburgunders durch eine überzeugende Piwi-Sorte voraussetzt.

Zuwenig um davon zu leben

Die junge Ökologin erfreut sich über die wärmenden Sonnenstrahlen, während sie die Reben schneidet. «Es ist schön, wenn man privilegiert ist und sich die Arbeitszeit selber einteilen kann. Das ermöglicht mir, mich bei schönem Wetter um meine Reben zu kümmern», erzählt sie während der aufwändigsten und wichtigsten Arbeit des Jahres. Mit dem Schnitt legt sie – beinahe nebenbei –, die Strategie der nächsten Jahre fest. Sie staunt, wie Edy Geiger jahrelang die intensiven Arbeiten im Rebberg neben seiner Tätigkeit als selbständiger Treuhänder und Informatiker, zusammen mit seiner Ehefrau Marlen, bewirtschaftete. Neben dem Weinbau ist Fabia Knechtle Glogger neu zu 20 Prozent bei der Stadt St.Gallen als Fach­spezialistin Natur und Landschaft angestellt und bearbeitet mit ihrem Jungunternehmen Knechtle Glogger Naturmanagement weitere Mandate: «Die Arbeit im Rebberg ist zu arbeitsintensiv für ein Hobby, das Einkommen zu klein, um davon leben zu können.» Ihr erstes Einkommen wird sie zudem erst 2018, rund eineinhalb Jahre nach Arbeitsstart, haben, wenn der 2017er-Wein verkaufsbereit ist.

Veloferien müssen warten

Dass der Rebberg nicht alleiniger Erwerb ist, könne auch ein Vorteil sein, so die Jungunternehmerin. So zum Beispiel bei einem Ertrags­ausfall durch Krankheiten oder Hagel. Es wird aber auch Zeiten geben, da wird sie der Rebberg stark in Anspruch nehmen. Da ist sie froh, dass ihr Ehemann René Glogger die Freude zum Weinbau mit ihr teilt und seine Anstellung auf 80 Prozent reduzieren konnte, um sie – wenn immer nötig – unterstützen zu können. «Die langen Arbeitstage während dem Wimmet werden angenehmer sein, wenn der Partner dabei ist oder zumindest Verständnis zeigt», so Fabia Knechtle Glogger. Und auch der Gedanke an Ferien. Denn die geliebten Veloferien durch Griechenland, Mazedonien oder die Pyrenäen werden erst mal warten müssen.

Schmetterlinge und Eidechsen

In der Zwischenzeit ist es Ende April geworden. Die Reben treiben aus, der Wiesensalbei und die Margeriten blühen und die Schmetterlinge wie der Kleine Fuchs und der Admiral sowie die Bienen fliegen von Blume zu Blume. Die schön gezeichneten Zauneidechsen sonnen sich am Felsen und Schlingnattern sollen sich durch das Dickicht schlängeln. Gesehen hat Fabia Knechtle Glogger noch keine: «Doch es wäre schön, wenn es auch in meinem Rebberg eine hätte.» Der gesamte Buechberg ist ökologisch aufgewertet und deshalb ein wertvoller Lebensraum – auch für Flora und Fauna. Die 32-Jährige ist glücklich in ihrem Rebberg. Ihr ist bewusst: «So eine Chance erhält man nicht alle Tage.»

Direktvermarktung im Vordergrund

Und sie fühlt sich hier schon wie zu Hause: «Es ist schön, wie ich von den anderen Winzern aufgenommen wurde. Hier am Buechberg, von den anderen Rheintaler und St.Galler Winzern und auch an Anlässen der Biowinzer», erzählt sie bei einem Kaffee in der Laube beim Rebhäuschen. Fünf Monate nach der Knospenschwelle werden hier nicht nur Fuchs und Dachs gerne einige Trauben naschen, sondern die junge Winzerin erstmals ihre eigenen Trauben lesen können. «Am Morgen vor der grossen Arbeit werde ich wieder hier stehen, über meinen Rebberg mit rund 2700 Reben und die schönen, prallen Trauben blicken und geniessen, wofür ich während des ganzen Jahres gearbeitet habe.» An einem Tag muss eine Sorte gelesen werden, um sie dann am Abend einmaischen zu können. Es ist das erste Ziel der jungen Frau, die Qualität des Weines aufrechtzuerhalten und die bisherigen Kunden ihres Vorgängers weiter zu begeistern. Wie Edy Geiger setzt Fabia Knechtle Glogger auf die Direktvermarktung.

Bald eigenen Wein zum Essen

Die fleissige junge Frau verabschiedet sich bei der Laube. Den Weg, die rund 150 Treppentritte hinauf bis zur Zufahrtsstrasse, wird sie erst beim Eindunkeln unter die Füsse nehmen. Dann fährt sie nach Hause nach Herisau, wo sie mit ihr Ehemann René in einem Haus mit schönem Garten, einem Hund und zwei Katzen lebt. Hier frönt sie gerne dem Kochen. «Dafür verwende ich möglichst Gemüse und Kräuter aus dem Garten sowie Fleisch aus artgerechter Haltung – nur von befreundeten Bauern.» Bald wird sie dazu auch ihren eigenen Wein geniessen können. Welchen favorisiert sie zu einem guten Essen? «Ich probiere gerne aus – und deshalb wird es je nach Essen ein anderer sein», antwortet sie mit einem Schmunzeln.

Text: Andrea Kobler Bilder: Andrea Kobler / zVg

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