10. Sep 2017

Reben, Berge, Heidi und der Wein

Auf den Spuren des Weines durch die Bündner Herrschaft

Mit der Bezeichnung «Bündner Herrschaft» sind nicht etwa die altansässigen Bewohner regionaler Graubündner Burgen oder Schlösser gemeint – es ist der Wein, der hier geadelt wird. Der Wein, dessen Reben sich auf rund 30 Kilometer mit 420 Hektar in einer Ansammlung zahlloser Weingärten hinter Landquart und zwischen den Ortschaften Malans, Jenins, Maienfeld und Fläsch ausbreiten. Entlang dieser Gärten Eden des Bacchus Trunks führt ein Weinwanderweg. Der einheimische Wein- und Gourmetfachmann Gian Carlos Casparis kennt ihn wie seine Westentasche. Er bringt auf seinen Wine Tours Land und Leute, Geschichte und Kultur dieses weinseligen Landstriches näher. Und vermittelt Weinseminare, die es ermöglichen, an der Arbeit der Winzer teilzuhaben. Hansruedi Adank steht vor den Steillagen seines Weinbergs am Fläscherberg. Beinahe senkrecht baut sich die schroffe Felswand hinter den üppigen grünen Rebenranken auf. Adank hat mit zwei weiteren Winzern Weinseminare entwickelt und die Marke «Pinot R(h)ein» kreiert.

Im Jazz berauschen

Er macht eine Handbewegung, die über die Höhe hinaus weist: «Direkt dahinter, da ist schon Liechtenstein.» Und fährt fort mit einem Blick auf das schmale Band des Rheines unten im Tal: «Und das Gebiet auf der anderen Seite des Rheines, ist das Werdenberg und gehört zum Kanton St. Gallen.» Die Rebflächen links von ihm, die umrahmen seinen Heimatort Fläsch. Fläsch wurde im Jahre 2010 mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet. Dafür, dass man durch Landumlegungen die charakteristischen Wein- und Obstgärten im Dorfkern erhielt, ohne die bauliche Weiterentwicklung zu verhindern. Adank selbst hat auch etwas zum schönen Ortsbild beigetragen. Seine zum Verkauf vorbereiteten Flaschen lagern unterirdisch. Und das sind immerhin 30 000. Der Pinot Noir, die Majestät unter den edlen Tropfen, reift gleich nebenan im Keller. Der darf im Barrique fortwährend der Lieblingsmusik von Adank lauschen, darf sich berauschen am Jazz.
«Das hat er verdient», sagt Adank lächelnd und hofft darauf, dass die Schwingungen der Musik den Wein endgültig auf ein geschmackliches Hoch einstimmen. Das ist dann der letzte Schliff für den Roten, der auf Kalk- und Schieferböden seine Glut entfalten durfte. Diese speziellen Böden und der Föhn, der zuverlässig die Trauben trocknet und als «Traubenkocher» mit Wärme verwöhnt, sorgen für den typischen Geschmack des Blauburgunders aus der Bündner Herrschaft. Der ist hier mit 80 Prozent Flächenanteil der unumstrittene Platzhirsch.

Weinpresse von 1722 im Alten Torkel

Die Rebe des Burgunders, die haben dereinst französische Söldner im Gepäck gehabt oder entsprechend der Legende möglicherweise auch der bretonische Herzog Henri Duc de Rohan (1579–1638) persönlich, als er die Bündner von den Österreichern befreite. Letzteres ist jedenfalls an der Statue dieses Adligen in Jenins bekundet. Bis dahin war der Weisswein der König der Reben in dieser Region. Der «Duc» steht – unübersehbar – direkt beim Alten Torkel in Jenins, wo eine Weinpresse von 1722 an vergangene Jahrhunderte erinnert und wo der Bündner Weinbauverein zweimal wöchentlich eine Weinführung anbietet. Da erfährt der Gast, wie es kam, dass der Wein sich in Graubünden ausbreitete und dass der Frost im Jahre 1956 viele Reben vernichtete. Der nachfolgende Anbau ging dann mit neuen Regeln einher. Limitierung statt Masse brachte Qualität, gute Ausbildung der Jungwinzer Fachwissen, so ist es bei einer Führung von Klara Christen im Alten Torkel zu erfahren. Sie weiss auch Interessantes über die Anfänge des Weinbaus zu berichten:
«Die früheste urkundliche Erwähnung des Deutschschweizer Weinbaus findet sich im Testament des Bischofs Tello von Chur (765 n. Chr.), in dem er dem Kloster Disentis einen Rebberg in Sagogn vermacht. Im Jahr 802 wurde ein Sonntagsarbeitsverbot in den Reben für die Gemeinden der Bündner Herrschaft erlassen. Daraus ist abzuleiten, dass der Rebbau zur Zeit der Karolinger (ab 750) bei uns schon etabliert war. Von hier breitete er sich rheinabwärts an den Bodensee und weiter Richtung Zürich und Schaffhausen aus. Graubünden kann also als die Wiege des Deutschschweizer Weinbaus gelten. Um 1100 n. Chr. standen bereits an allen heutigen Ostschweizer Weinbaugebieten Reben.»

Die Heimat von «Heidi»

All diese Geschichten erfährt der Gast auch von Gian Carlos Casparis, während er mit ihm durch die Reben wandert und die Dörflein erkundet. Wie zum Beispiel Maienfeld, die 2000-Seelen-Gemeinde, die durch Johanna Spyris Geschichten von «Heidi» weltberühmt wurde. Casparis ist hier geboren. Die Welt der Berge, die das Stadtkind Heidi in den bekannten Büchern und Filmen entdeckt, ist seine Heimat. Da kann er von eigenen Erlebnissen berichten, wenn er die Familien zum Heidi-Brunnen führt, zur Heidi-Alp und zu dem Museum, das der Autorin Johanna Spyri gewidmet ist. Wie nah die Geschichte bis heute mitten in der Bevölkerung verankert ist, zeigt auch die Antwort von Hansruedi Adank auf die Frage, wie viel Berührung denn seine Kinder mit den Erzählungen von Heidi hatten.
Adank erinnert sich lächelnd: «Mein Sohn war neun Jahre alt, als in Maienfeld das erste Freilichttheater vorbereitet wurde, in dem Heidi zur Aufführung kam. Damals gab es in der Schule ein Casting. Aus Spass sagte ich zu meinem Sohn, dass er wohl auch so ein rechter Ziegenpeter sei… Das war ihm Anreiz, sich zu bewerben. Vom Fleck weg wurde er engagiert.»

Eine Gegend zum Geniessen

Und Casparis findet, dass seine Wine Tours gerade dadurch leben, dass er ganz individuell auf die Interessen der Teilnehmer eingehen kann. Kinder, die beispielsweise in die Welt von Heidi eintauchen durften, mögen toleranter sein, um danach auch mit ihren Eltern durch die Reben zu bummeln und sich Geschichten über den Blauburgunder anzuhören. Die Geschichten, wie dieser und all die anderen hiesigen Weinsorten letztendlich den Weg in die Flasche finden, darüber informieren von Casparis koordinierte Weinseminare sehr nah an den praktischen Arbeiten. Eines haben die Winzer Ueli und Jürgen Liesch, Hansruedi Adank und Hanspeter Lampert kreiert. Da führen sie die Gäste bei drei Tagesterminen durch das Arbeitsjahr des Winzers im Frühling, Herbst und Winter. Beim Rundgang in den Reben zeigen und erklären sie zum Beispiel im Herbst das Traubengut. Riesling Silvaner muss als erstes geerntet werden, weil die Trauben leicht faulen und der Pinot Noir braucht noch eine abschliessende Wärmezufuhr durch den Föhn. Wenn gerade die Ernte ansteht, dürfen die Seminarteilnehmer mit Hand anlegen. Sie erleben, wie Trauben abgebeert werden, Öchslegrade gemessen und Trockenhefe angesetzt wird. Erfahren anschaulich die unterschiedlichen Arbeitsschritte bei der Entstehung von Rot- und Weisswein.

«Der Weinliebhaber», sagt Lampert, «sieht oftmals nur die Arbeit, die im Herbst anfällt. Dass der Winzer aber das ganze Jahr über mit der Arbeit in den Reben bzw. im Weinkeller beschäftigt ist, das zeigen wir in diesen drei Seminar-Modulen.»
Die drei Winzer haben auch gemeinsam einen Wein kreiert, den Pinot R(h)ein. Nur die besten Trauben sortenreinen Pinots, so heisst es, werden dafür selektioniert und von Hand verlesen. Davon gibt es dann vier Barriques, was 1200 Flaschen entspricht. Natürlich kommt abschliessend die Verkostung nicht zu kurz und Casparis persönlich komponiert ein herbstliches Menü mit Pilzsüppchen, Risotto an Wein mit Hirschwurst und Vermicelles als Nachspeise.
Wie schön, wenn dann beim Verdauungsspaziergang durch die Reben die Berge hinterm Heidiland grüssen: der Pizol, die Eiskappe des Ringelspitz (3247 m.ü.M. – und damit der höchste Berg des Kantons St.Gallen) und ganz hinten die Churfirsten. Nicht zu vergessen der Hausberg Calanda. Wie Perlen leuchten Schloss Bothmar und Schloss Salenegg aus den Weinreben. Wer sich noch von Malans aus eine Auffahrt mit der Älplibahn gönnt, geniesst einen Blick in die weite Runde der Bündner Berge und erfreut sich an den kleinen Orten, die an den Hängen klammern und sich in der Sonne aalen.

Text: Kornelia Stinn Bilder: Winfried Stinn

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